Ich saß heute im Zug. Rückständigerweise ganz ohne Netz und ohne schnell mal was bei Wikipedia nachschauen zu können – womit wir auch schon beim Thema sind: Dank des guten alten Stand-Alone-Feedreaders hatte ich erst ohne Netz nach Wochen mal wieder die Muße, mir die aufgelaufenen Andreas-Göldi-Texte so ganz linear durchlesen zu können. In einem ("Medienwandel: Das Medium ist auch die kommerzielle Botschaft") schreibt er genau davon
dass die essentiellen Eigenschaften eines Mediums erheblich bestimmen, wie es von den Konsumenten wahrgenommen wird und damit auch, welche Inhalte darin funktionieren.
und verdeutlicht das anhand einer Reihe von Beispielen. Als erstes Beispiel nennt er
Das gedruckte Buch erfordert durch seine lineare, sequentielle Struktur viel Disziplin und Anstrengung vom Leser. Aus den abstrakten Buchstaben bildet sich erst im Kopf des Lesers eine Bedeutung, der Leser wird also stark vereinnahmt. Wenn man beim Lesen etwas nicht versteht, kann man aber ohne Anstrengung einen Absatz ein zweites Mal lesen. Mögliche Ablenkungen durch das Medium selbst sind aber minimal (im Gegensatz zu Texten im Web, wo immer noch ein interessanter Hyperlink lauert). Dadurch ist gedruckter Text besonders gut dafür geeignet, eine komplexe Argumentationslinie zu vermitteln. Es ist darum kein Zufall, dass beispielsweise die Aufklärung und die daraus resultierenden politischen Umwälzungen — alle getrieben von intellektuell anspruchsvoller Argumentation — in der Blütezeit des Buchdrucks stattfanden.
Das würd ich zwar nicht unter "persönliche Erkenntnis des Jahres" verbuchen, aber als eine, die ich wie wenige andere unmittelbar erlebte: Im Zug sitzend las ich die Texte zwar nicht im gedruckten Buch sondern am Rechner aber ansonsten mit Muße, linear und ohne weitere Ablenkung durch das Medium (Internet) selbst. Das ist der würdige Rahmen, den Andreas Göldis Texte verdienen und nach dem Zitat oben eigentlich geradezu widersprüchlich, daß er seine auf Argumentationlinien basierenden Texte – vielleicht nicht mega-komplexe, aber weitaus komplexere als solche, die man üblicherweise im Spiegel oder dergleichen zu lesen bekommt – in einem Blog veröffentlicht. (Im Text selbst geht es übrigens darum, daß und wie die spezifischen Eigenschaften der verschiedenen Medien berücksichtigt werden wollen, wenn man mit ihnen Geld verdienen möchte und daß das viele Medienkonzerne nicht tun: weder es berücksichtigen noch Geld verdienen).
Ach ja: Neben Andreas Göldis Texten, die hier demnächst aspekteweise vielleicht noch auftauchen werden, habe ich während jener Bahnfahrt auch ein paar Texte von Stefan Niggemeier in Ruhe linear gelesen (bspw. den wunderbaren "Geht sterben (9)"). Und immer wieder taucht bei beiden das gegenwärtig ganz heiße Ding Paid Content auf. Ich will das Thema hier nicht schon wieder ausführlich bequatschen, aber doch noch eines loswerden: Bevor ich auf die Texte der beiden verzichten müsste, würde ich, wenn es ganz unkompliziert ginge(!), im Gegensatz zu fast allen in 'Verlags-Publikationen' erscheinenden ein, zwei, drei Dutzend Cent hinlegen. Das klingt womöglich wenig wertschätzend, ist aber genau das Gegenteil und könnte sich für die beiden lohnen, wenn viele ihrer Leser so dächten.
PS: Wenn ich im Zitat oben von der Disziplin und Anstrengung lese, die das gedruckte Buch aufgrund seiner linearen, sequentiellen Struktur erfordert, denke ich an ein Gespräch mit Ben von vor zwei, drei Tagen: Ohne es missen zu wollen, waren wir uns einig, daß es Privileg ist, die Welt noch ohne Netz kennengelernt zu haben – die Gnade der frühen Geburt sozusagen.
Kommentare
21.08.2009 - 09:05 — ben_ (not verified)
Ja! Das Thema Geld-verdienen
Ja! Das Thema Geld-verdienen im Internet mit Content bewegt mich in letzter Zeit ja auch immer mehr. Es stellt sich ja inzwischen die Existenz-Frage für Verlage und ähnliche. Und damit geht es inzwischen auch um die Zukunft des Netzes. Einen spannenden, weil mit Denke zu rechtfertigenden Ansatz hab ich die Tage im Open Calais Blog gefunden: Y-Combinator (eine Venture-Kapital-Firma) haben einen Wettbewerb "Future of Journalism" ausgeschrieben:
"They ask: What would a content site look like if you started from how to make money — as print media once did—instead of taking a particular form of journalism as a given and treating how to make money from it as an afterthought?"
21.08.2009 - 22:41 — Nico (not verified)
»Haha, Gnade der frühen
»Haha, Gnade der frühen Geburt.« Wir hatten ja nichts damals. Am Anfang meines Lebens war ja noch alles schwarz-weiß und dann lange Zeit etwas rot-gelb-stichig… ja, das prädigitale Zeitalter, ein tolles Privileg und alles was geblieben ist sind ein Doppelzentner Bücher (Andersch bis Zetkin) und mehrere Bruttoregistertonnen Schallplatten (Abba bis Zappa). Und meine Nachfolgegeneration rühmt sich schon »die ersten zu sein, die auf das digitaler Zeitalter mit Nostalgie zurückblicken«.
22.08.2009 - 08:55 — Thomas
Nico, ich schließe dich
Nico, ich schließe dich selbstverständlich ganz großzügig mit in unsere Generation ein ;) Und auch die heute ca. 25-jährigen, die ca. 15 waren, als das mit DSL losging.
Und ganz kurz im Ernst: Von "Nostalgie" soll keine Rede sein, sondern von Privileg - nämlich vom Privileg, das Netz besser schätzen zu wissen, wenn man weiß, wie es ohne Netz war.
Und wie schön ist es, wenn man später mal von damals erzählen kann und die jungen Zuhörer staunen (ohne daß es sich bei "damals" um einen Krieg oder eine Diktatur handelt).
22.08.2009 - 09:02 — Thomas
@Ben: Nachdem du mir letzte
@Ben: Nachdem du mir letzte Woche so überzeugend vom so perfekt durchdachten IPod-System erzählt hast, würd mich nicht wundern, wenn Apple plötzlich irgendein System aus dem Hut zaubert. Oder vielleicht Amazon. Oder natürlich Google himself - und die Printverlage dann so aus der Wäsche gucken wie ggw. die Musikverlage.