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Kann nicht besser anklagen

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Stefan Niggemeier mosert über das letzte Zeitmagazin – zumindest über 3/4 der Artikel zum Schwerpunktthema Journalismus. Auch wenn man mir neuerdings Befangenheit unterstellen darf, schwörre isch, daß ich darin zufällig nur den großartigen Artikel gelesen habe, von dem auch er knapp erwähnt, daß er ihn gut findet:

Immerhin: Heike Faller hat für das Special in einem lesenswerten Artikel nachvollzogen, warum praktisch keine Zeitung vor der drohenden Finanzkrise warnte und, wichtiger noch: Warum die Mechanismen des Journalismus so sind, dass es auch beim nächsten Mal wieder so käme. [stefan-niggemeier.de]

Das ist sicherlich richtig und richtig erschreckend, aber m.E. nur die halbe Wahrheit.

Um mal etwas weiter, aber dennoch nur ganz grob zusammenfassend auszuholen: Der Zeit-Magazin-Artikel beschäftigt sich mit diesen komischen Papieren, die letztlich das Finanzsystem zum Kollabieren brachten. Diese Papiere kamen irgendwann in den 90ern auf den Markt. Weitestgehend unbeoabachet von der Öffentlichkeit, d.h. insbesondere von den dafür zuständigen Ressorts der Zeitungen. Die Vermutung, daß da irgendwo ein Haken sein müsse, wurde früh geäußert. Dem wurde allerdings nicht weiter nachgegangen. Als Warren Buffett 2003 von "Massenvernichtungswaffen" sprach (ich glaube, mich daran erinnern zu können, das am Rande mitbekommen zu haben), waren die Papiere kurz nochmal ein Thema und dann kam's ein paar Jahre später halt so dicke, wie's kam.

Ja, in dem Artikel wird auch angesprochen, daß sich führende Wirtschaftsjournalisten (die waren interessanterweise, wie im Artikel beschrieben wird, in bester Politikermanier z.T. für Anfragen nicht erreichbar) nicht ganz neutral verhalten und sich gerne von Stimmungen an der Wallstreet anstecken bzw. von ihr vereinnahmen bzw. benutzen lassen. In diesem Zusammenhang stolperte ich übrigens über diese bemerkenswert lustige Aussage:

»In vielen Punkten bin ich für Deregulierung«, sagt Nikolaus Piper, New-York-Korrespondent der Süddeutschen Zeitung, damals Ressortleiter Wirtschaft. »Aber die war, was die Finanzmärkte betrifft, einfach fehlgesteuert. [zeit.de]

Und so weiter und so fort... Aaaaaaber, und jetzt komme ich zu dem, was ich oben mit "halbe Wahrheit" andeutete: Beim im Artikel beschriebenen Kontrollverlust über den Finanzsktor handelt es sich nicht nur um ein Versagen der "Mechanismen des Journalismus", sondern auch – in diesem Falle m.E. in größerem Maße – um völliges Desinteresse seiner Leser.

Ich lade Stefan Niggemeier und alle anderen hiermit ein, sich mit mir mal in folgendes fiktives Szenario zu begeben: Wir schreiben das Jahr 1998 und sitzen zusammen mit einem Wirtschaftsjournalisten in einer Kneipe. Dieser erzählt uns von irgendwelchen Derivaten, die Fundament einer sich gegenwärtig im Aufbau befindlichen hochkomplexen Finanz-Konstruktion sind, die mittelfristig in einer Katastrophe münden wird. Er erklärt uns in drei Stunden, wer was warum und daß wir das alles in seinem morgen erscheinenden Bericht nachlesen können. Zumindest ich wäre anschließend mit tausend Fragezeichen über'm Kopp ins Bett gegangen und hätte mir am nächsten Morgen nicht die Zeitung mit dem Bericht gekauft sondern mir stattdessen überlegt, ob ich mich mit diesem komischen Typen nochmal in einer Kneipe treffen soll.

Heike Faller drückt das im Zeit-Magazin-Artikel wie folgt aus (das würde ich zwar nicht gerade als schonungslose Selbstkritik bezeichnen, aber, viel schlimmer, als bittere Wahrheit):

Mit dem Journalismus ist es wie mit dem Investieren. Es ist schwer, gegen den Mainstream zu arbeiten. Das hat nichts mit Ideologie zu tun. Es hat nicht einmal etwas mit Wirtschaftsjournalismus zu tun. Es hat damit zu tun, dass wir alle, auch unsere Leser, Nachrichtenzyklen unterliegen, die dafür sorgen, dass bestimmte Ideen jahrelang fast unpublizierbar sind – zu merkwürdig, zu schwer verdaulich, irgendwie aus der Zeit gefallen. [zeit.de]

Nee, nee, bei solchen Dingen sollte man sich m.E. nicht auf die vierte Gewalt, sondern die Legislative verlassen. Aaaaaaaaaaber seien wir mal ganz ehrlich: Hätte die Opposition bei der Bundestagswahl 1998 nicht "16 Jahre Helmut Kohl!" sondern "Wider diese Derivate da!" geschrien, dann hätten wir wahrscheinlich 20 Jahre Helmut Kohl gekriegt. Und – was ich jetzt schreibe ist Viertelwissen am Rande der Legalität – ich meine mal irgendwo gelesen zu haben, Rot-Grün hätten durch ihre Gesetzgebung den Handel mit diesen Papieren eher begünstigt als verhindert.

Außer den Wenigen, die damals warnten, darf sich also eigentlich niemand von denen, die sich nicht dafür interessierten, beklagen – kann nicht besser anklagen sozusagen. Eine traurige Einsicht.


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