
Eigentlich wollte ich die bisher folgenlose Reihe Die Ästhetisierung des Unästhetischen mit der Folge "Um die Außenalster joggen" einleiten. Doch das muss aus aktuellem Anlass warten.
Denn gehen soll es nun um Tauben. Welcher Einfaltspinsel hatte die Idee, diese widerlichen Viecher, für gegen die selbst ein überzeugter Hobbypazifist wie meine Wenigkeit zu den Waffen greifen würde, zum Symbol für den Frieden* hochzusterilisieren?
Die Taube spielt in der biblischen Sintflut-Erzählung die Rolle des frohen Botschafters: Eine von Noach aufgelassene Taube kehrt mit einem frischen Olivenzweig im Schnabel zur Arche zurück (Gen 8,11 EU).
Schon in der Antike galten Tauben als besonders rein, da man glaubte, dass sie keine gelbe Galle besäßen, die nach der Säftelehre als Sitz des Bösen im menschlichen Körper galt (...)
Eine Friedenstaube wurde 1949 für den Pariser Weltfriedenskongress von Pablo Picasso entworfen und lithographiert. (...)
schreibt Wikipedia. Wieso steht dort "Schon in der Antike"? Gibt es heute irgendwen, der sie für besonders rein hält...?
Wie auch immer: Hielt sich damals
Ab 1920 wurden [bei Olympia-Eröffnungsfeiern] auch Friedenstauben freigelassen; dies wurde jedoch wieder aufgegeben, nachdem 1988 in Seoul einige Tauben im olympischen Feuer verbrannt waren. [de.wikipedia.org]
und erst gestern auf dem Hamburger Hauptbahnhof, wo man hier und dort ein verendetes Viech sieht, mein Mitleid ausdrücklich in Grenzen, so wachte ich heute Morgen durch ständiges Gegurre, Geflatter und Rumgetapse auf dem Plastikdach meines Balkons auf: Ein verdammtes frischvermähltes Taubenehepaar baute sich ein Eigenheim über meinem Balkon! Ich musste den ganzen Morgen mit einem Besen unter das Plastikdach donnern, bis diese dummen Dinger endlich verstanden haben, daß es ihr Nachwuchs einmal nicht besser haben wird als sie selbst, wenn sie nicht endlich von ihren Absichten Abstand nehmen.
Und jetzt kommt das eigentlich Unästhetische: Am Nachmittag hatte ich dann plötzlich etwas Mitleid mit dem Taubenpärchen. Die gucken immer so blöd, wissen wahrscheinlich gar nicht, was da passiert ist. Sind für den Rest ihres Lebens verunsichert. Sie wird womöglich sagen, daß ihr Vater damals recht gehabt habe und er ein Versager sei. Er hätte sich ruhig wehren können. Die Ehe wird scheitern, die Kinder geraten auf auf die schiefe Bahn und werden irgendwann viel zu jung im Hamburger Hauptbahnhof verenden.
Doch halt! Was schreibe ich? Mitleid mit Tauben. Ich glaub, ich spinne! Da sind mir meine Artgenossen doch wichtiger. Was eine Taube mit einem Menschen anrichten kann, schreibt Patrick Süßkind ganz nett in "Die Taube".
Noch ein Nachtrag: Gerne und kostenlos weise ich auf diesen "Taubenabwehr-Shop" hin.
* wie es der Zufall will: heute ist, wie jedes Jahr am 8. August, in Augsburg das Friedensfest. Dieser Tag ist dort, also nur in Augsburg, Feiertag.
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