Der Stellvertreter

Gestern Abend hab ich die Verfilmung des Stellvertreters gesehen. Es geht, ganz kurz zusammengefasst, darum: Kurt Gerstein

soll in Polen als Hygienespezialist für die richtige Verwendung großer Mengen von Blausäure sorgen. Dort zeigen ihm ein SS-Arzt (...) und weitere SS-Mitglieder die Vernichtungslager. Er ist entsetzt und kontaktiert auf der Rückreise den Sekretär der schwedischen Botschaft (...), um ihm von den Vorgängen in Polen zu berichten. Zurück in Berlin versucht er, Pastor Dibelius (...) davon zu überzeugen (...) um so durch öffentlichen Druck die Vernichtung der Juden zu stoppen. Der Pastor schenkt ihm jedoch keinen Glauben (...). Kurt Gerstein wendet sich direkt an den Nuntius, doch auch dieser glaubt ihm nicht. Sein Sekretär Riccardo Fontana (...) jedoch, der das Gespräch mitgehört hat, trifft sich mit Gerstein und reist in den Vatikan, um dort von den Vernichtungslagern zu berichten. [de.wikipedia.org]

...wo, um das alles etwas abzukürzen, man (namentlich schließlich Papst Pius XII himself; aber auch der amerikanische Botschafter) ihm ebenfalls nicht glaubt. Oder genauer: Wie überall auch in Deutschland, wo Gerstein und Fontana das ansprechen und man mit seinem eigenen Kram beschäftigt ist, kann man es sich dort irgendwie nicht so richtig vorstellen (obwohl mittlerweile Menschen in direkter Nachbarschaft des Vatikans deportiert werden) und spricht die Dinge allenfalls höchst diplomatisch und unter Berücksichtigung internationaler Verpflichtungen und Verflechtungen an. Fontana kann die Situation nicht ertragen, heftet sich einen Judenstern an und begibt sich 'freiwillig' ins KZ. Sehr beklemmend für alle Beteiligten und nicht zuletzt für den Zuschauer.

Und ohne den Fehler machen, hier irgendwas mit dem Holocaust vergleichen zu wollen: Etwas beklemmend war es auch vor ein paar Jährchen, als ich einem Taufgottesdienst beiwohnte, der aber in den ganz normalen Sonntagsgottesdienst eingebettet war. Eine Frau aus der Gemeinde berichtete (teils wütend, teils schockiert) von ihren jüngsten Erfahrungen in der 'dritten Welt', die sie im Rahmen eines Unipraktikums oder sozialen Jahrs gesammelt hatte. Es ging, wie auch in Berichten im Weltspiegel oder anderen Dokus und Reportagen im Fernsehen, um unmenschliche Arbeitsbedinungen bei der Kaffeeernte ("There's Blood is on your Coffee" war ein Slogan, mit dem die Frau die Gemeinde konfrontierte). Es geht in jenen TV-Reportagen oder anderen Presseberichten Woche für Woche um die Turnschuh-, Handy-, Teppich- oder der Wasweißichproduktion, um irgendwelche Bürgerkriege aufgrund der Unterstützung irgendwelcher Rebellen mit Waffen und Geld, die den günstigen Zugang zu irgendwelchen für die Handyproduktion wichtigen Erzen oder die Erschließung neuer Ölquellen garantieren und nicht zuletzt um China (und den offiziellen Umgang damit). Aber irgendwie kann man (und ich schließe mich da leider überhaupt nicht aus) sich sowas nach dem Gottesdienst und nach Ausschalten des Fernsehgeräts nicht so richtig vorstellen, will nicht ständig von irgendwelchen Weltverbesserern genervt werden und ist schon wieder mit seinem eigenen Kram beschäftigt ist. Beispielweise, sich über'n Spritpreis aufzuregen oder sich bei einem lecker Kaffee ein etwas schickeres Handy auszusuchen als das, das die anderen alle haben.

Insofern, dachte ich heute morgen, steht "Der Stellvertreter" nicht nur für die Bezeichnung/Funktion des (damaligen) Papstes.

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